Partei - Interview bei Ökostadt Report
Wenn Kinder wählen dürften!?
Interview mit Stefan Bernhard Eck,
Bundesvorsitzender der Tierschutzpartei
Lesen sie hier, warum kein Mensch auf unserer Erde verhungern müsste
Sie fordern in Ihrem Grundsatzprogramm die Anerkennung des Tieres als fühlendes Individuum mit eigenen Rechten. Wie möchten Sie dies durchsetzen in Anbetracht steigender Massentierhaltung?
Es ist ein langer, steiniger Weg bis zur Anerkennung und Umsetzung so genannter Tierrechte durch Gesellschaft und Politik. Erfolge - wir müssen realistisch bleiben - werden sich nur in kleinen Schritten einstellen. Wer sich für Tierrechte einsetzt, braucht daher einen langen Atem! Aber es hat auch schon Verbesserungen gegeben: Tierschutz als Staatszielbestimmung in Artikel 20a GG im Jahre 2002, das Verbandsklagerecht für Tierschutzorganisationen wurde 2007 in Bremen eingeführt, der Bevölkerungsanteil, der sich vegetarisch / vegan ernährt, nimmt zu. Laut einer Studie des Vegetarierbundes Deutschland e.V. verzichtet bereits jeder 10. Bundesbürger auf Steak, Schnitzel oder Wurst auf seinem Teller - Tendenz steigend. Auch die Zahl der "Fleischreduzierer" ist erfreulich hoch. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa habe jeder vierte Bundesbürger den Fleischkonsum reduziert. Die dramatische Zunahme der globalen "Nutztierhaltung" – es geht ja nicht nur um die Massentierhaltung – könnte die Anerkennung von Tierrechten beschleunigen, so paradox dies auch klingen mag. Immer mehr Menschen wird bewusst – zumal sich die Medien seit einiger Zeit verstärkt mit der Thematik auseinandersetzen - dass eine hauptsächlich fleischliche Ernährungsweise zu massiven Problemen führt: Klimaerwärmung, Welthungerkrise, Umweltverschmutzung, Regenwaldzerstörung und schließlich bei der eigenen Gesundheit, denn Fleisch macht krank.
Was bedeutet die globale Nutztierhaltung für die Welternährung und wo ist der dringendste Handlungsbedarf?
Die globale Nutztierhaltung steht in einem eklatanten Widerspruch zur Welternährungssituation. Laut FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, stieg 2008 die Zahl der Hungernden auf ca. 963 Millionen an, das ist etwa jeder siebte Mensch auf der Erde. Jedes Jahr sterben etwa 8,8 Millionen Menschen an Hunger oder an den Folgen chronischer Unterernährung, über 24.000 jeden Tag, vor allem Kinder. Rund ein Drittel der weltweit verfügbaren Ackerfläche dient dem Futtermittelanbau! Wir stehlen Getreide, Mais und Soja vom Teller der Armen in der Dritten Welt, um es in unseren Mastställen zu "veredeln". Das "Produkt der Veredelung" - nämlich Fleisch - wird dann in die Ursprungsländer zu subventionierten Dumpingpreisen zurückimportiert, was zur Folge hat, dass die dortigen kleinbäuerlichen Betriebe in den Bankrott getrieben werden. Wenn man bedenkt, dass zur Erzeugung einer "tierischen" Kalorie im Schnitt 10 pflanzliche Kalorien benötigt werden, ist es nicht verwunderlich, dass in der EU bereits 57 Prozent des angebauten Getreides als Futtermittel verwendet werden. Trotzdem muss zusätzlich importiert werden! Zur Bewältigung der Welthungerkrise müssen wir zuerst vor der eigenen Haustüre kehren: 1. Innerhalb der EU sind die "Nutztierbestände" drastisch zu verringern, dann gehen automatisch auch die Futtermittelimporte zurück. 2. In der Bevölkerung muss verstärkte Aufklärungsarbeit geleistet werden über die Auswirkungen des Fleischkonsums für Klima, Hungerkrise und Gesundheit. 3. Notwendig ist auch der Abbau der Agrarsubventionen für alle Bereiche der "Nutztierhaltung", dafür verstärkte Direktzahlungen für Betriebe, die auf eine rein pflanzliche und umweltschonende Nahrungsmittelproduktion umgestellt haben.
Wie informieren Sie die Menschen, dass vegetarische oder vegane Ernährung die Bevölkerung des ganzen Planeten versorgen kann? Worau beziehen Sie Ihr Wissen?
Der im Jahr 2006 veröffentlichte Bericht der FAO "Der lange Schatten der Viehwirtschaft" und die Studie der American Dietetic Association (ADA), die zu dem Schluss kommt, dass eine vegetarische Ernährung gesundheitsfördernd und dem Nährstoffbedarf angemessen ist, sollten alle lesen, die noch am "Fleischtropf" hängen - vor allem die politisch Verantwortlichen.
Was ist das Projekt "Meat the truth", welches in Ihrer Homepage aufgeführt wurde und wie ist es fortgeschritten?
Es gibt einen hervorragenden Film der niederländischen Nicolaas G. Pierson Stiftung mit dem Titel "Meat the truth", der die Auswirkungen des Fleischkonsums auf unser Klima aufzeigt. Die weltweiten Nutztierbestände tragen heute mit etwas mehr als 18 Prozent zu den vom Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen bei, gerechnet in CO2-Äquivalent - mehr als der gesamte globale Individualverkehr, der etwa 14 Prozent ausmacht. Fleisch ist Klimakiller Nummer 1 - das muss publik werden! Wir wollen den Film, der rund 70 Minuten lang ist, synchronisieren und für das deutschsprachige Publikum bereitstellen, als Teil unserer Aufklärungsarbeit. Wir haben ihn bereits ganz aus dem Englischen übersetzt und stehen in Verhandlungen mit einigen Tonstudios. Aber da wir uns in einem "Superwahljahr" befinden, konnte die Arbeit aus Zeitgründen noch nicht zum Abschluss gebracht werden.
Hungersnot und Revolution sind nach Ansicht vieler Deutscher fernab von der Heimat, doch auch hier gibt es Mangelernährung, Hunger und Massentierhaltung. Wie wollen Sie konkret in der Bundesrepublik die Situation ändern?
Das sozialke Netz in unserem Staat ist grobmaschiger geworden; viele Menschen werden nicht mehr aufgefangen. Es gibt in der Tat auch bei uns Mangelernährung und Hunger. Mittlerweise gibt es über 800 Suppenküchen in unserem Land, die täglich hunderttausende Bedürftige durchfüttern müssen. Wie sollen sich ein Hartz IV-Empfänger oder dessen Kinder ausreichend und gesund ernähren? Bei Kindern von vier bis sechs Jahren z. B. reicht die veranschlagte Summe von 2,57 Euro pro Tag doch nicht aus - vielleicht für Nudeln mit Tomatensoße, nicht aber für vollwertige Qualitätsnahrung mit Vollkornbrot, Frischgemüse und Bio-Obst. Wir brauchen eine soziale Grundsicherung in unserem Land, die diesen Namen auch verdient. Die Schwachen dürfen nicht ins Abseits gedrängt werden. Und die tierquälerische Massentierhaltung gehört ohnehin verboten - und sei es durch einen nationalen Alleingang; sie entbehrt jeder ethischen Grundlage. Da fällt mir ein Satz von Mahatma Gandhi ein: "Die Größe und der moralische Fortschritt einer Nation -lassen sich daran ermessen, wie sie ihre Tiere behandelt." Nun wissen wir, wie es um die Moral in unserem Land bestellt ist. No more comment!
Was schlagen Sie den Wissenschaftlern und Ärzten vor, die darauf bestehen, dass Omega3-Fettsäuren nur durch Fisch und die Eisenversorgung nur durch Rind- und Schweinefleisch gesichert werden kann?
Sie sollen wieder auf die Uni gehen und besser zuhören, oder sich einschlägig informieren, anstatt die Bevölkerung zu verdummen! Vielleicht steckt auch Absicht dahinter, denn wer will schon seine Patienten - seine Einnahmequelle - verlieren?
Ihre Forderung an die EU? Subventionen zum Abbau von Massentierhaltung?
Die Partei Mensch Umwelt Tierschutz hat hierzu ein gut ausgearbeitetes Programm. Hier einige Stichpunkte daraus: Eine Agrarwende in der Landwirtschaft herbeiführen durch drastischen Subventionsabbau bei allen Betrieben mit Massentierhaltung. Finanzielle Anreize schaffen für den ökologischen Landbau ohne Nutztiere. Direkt-Zahlungen an die Bauern, berechnet nach Hektarfläche des Hofes und nach Schwierigkeitsgrad des Terrains. So ist z.B. die Bearbeitung einer Bergalm aufwendiger als eine Grünfläche im Flachland; das sollte natürlich berücksichtigt werden. Angesichts des Zustandes der Erde ist es höchste Zeit, der Ökologie Priorität einzuräumen gegenüber der Ökonomie.
Wie problematisch ist die massenhaft eingebrachte Gülle für unsere landwirtschaftlichen Böden und Grundwasservorräte?
Sehr problematisch! Böden und Grundwasser sind schon heute durch Gülle, aber auch durch Pestizide und Dünger immens belastet. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis unbelastetes Trinkwasser knapp wird. Die Antibiotika-Rückstände, die durch die starke Verwendung dieser Substanzen vor allem in der Massentierhaltung herrühren, reichern sich in Ackerböden an, gelangen über den Nahrungskreislauf in den Menschen und führen zu multiresistenten Keimen. Wir sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen!
Bioproduzenten klagten im letzten Jahr über zu wenig Getreide in Bioqualität, zu wenig Dinkel vor allem. Die Preise für Dinkel sind explodiert. Wie kann man Ihrer Meinung nach den ökologischen Getreideanbau forcieren, wenn gar nicht genügend Anbauflächen zur Verfügung stehen?
"Warum stehen immer weniger Anbauflächen für Getreide in Bioqualität zur Verfügung?" Das hätten Sie mich fragen sollen! Antwort: Weil ein großer Teil der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche für Futtermittel verwendet wird und weil durch den verstärkten Anbau "nachwachsender Energieträger", für Bio-Sprit heute noch weniger zur Verfügung steht. Denn es ist ja bekannt, dass für dem Anbau von Futtermitteln und nachwachsenden Energieträgern höhere Profite erzielt werden. Monokulturen, damit wir unabhängig vom Öl werden - ohne uns! Bio-Sprit verdanken wir vor allem Bündnis90/Grüne; da sind die Damen und Herren, die sich den Umweltschi auf die Fahne geschrieben haben, weit übers Ziel hinausgeschossen bzw. haben danebengeschossen. Fazit: Das ganze "Bio-Sprit-Desaster" so schnell wie möglich rückgängig machen!
Angenommen, Sie überschreitei die 5 Prozent-Hürde bei den nächsten Wahlen. Um als politischer Partner oder als politische Alternative auch real gesehen zu werden, haben Sie sicher auch einige Standpunkte zu anderen Themen wie Grundeinkommen, Atomkraft, Arbeitslosigkeit etc.?
Natürlich, wir sind der kompetente Ansprechpartner auch für Themen, die nichts mit Tierschutz zu tun haben, weil wir die Ursachen vieler Probleme von heute aus einer Gesamtperspektive beleuchten. Wir haben wirksame und zukunftsweisende Konzepte, weil wir im wahrsten Sinne des Wortes ökologisch denken. Dieser Begriff geht auf das griechische Wort oikos für "Haus" zurück und bedeutet "das Ganze betreffend". Wir gehen nicht am Gängelband der große Wirtschaftsverbände und nehmen keine Rücksicht auf bestimmte Wählerschichten aus Angst, nicht wieder gewählt zu werden. Wir vertreten unsere Positionnen, auch wenn wir damit gegen den Strom schwimmen!
Beispiel "grüne Gentechnik":
Wir wollen eine gentechnikfreie Landwirtschaft, denn die ökologischen und gesundheitlichen Risiken sind heute noch nicht absehbar.
Der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen für den menschlichen Verzehr, für Futtermittel oder als nachwachsende Energieträger
muss daher europaweit verboten werden. Wir fordern eine Kennzeichnungspflicht für alle importierte Nahrungsmittel, deren
Inhaltsstoffe aus gentechnisch veränderten Erzeugnisse bestehen. Darüber hinaus fordern wein EU weites Importverbot für
gentechnisch veränderte Futtermittel.
Beispiel Kinderarmut:
Nach einem Bericht der "Europäischen Kommission über Sozialschutz und soziale Eingliederung" lebt jedes fünfte Kind
innerhalb der EU bereits in Armut. In Deutschland ist es jedes zehnte Kind; Frankreich liegt mit 7,5 Prozent armen Kindern im
europäischen Mittelfeld. Kinderarmut in Europa ist ein Armutszeugnis für Europa! Es sind mehr Gelder als bisher bereitzustellen,
um konsequent der wachsenden. Kinder- und Altersarmut durch Förderprogramme, Stipendien, Zuschüsse zur Grundsicherung und zur
Rente Paroli zu bieten. Ein soziales Europa bedeutet, dass alle EU-Bürgerinnen und Bürgern — auch den Kindern - eine Mindestsicherung
in der Höhe des landesspezifischen Existenzminimums erhalten, denn nur auf diesem Wege kann eine menschenwürdige Lebensführung
sichergestellt werden.
Beispiel Atomkraft:
Bereits zur Europawahl 2004 war unsere Forderung: "Sofortiger Ausstieg aus der Atomenergie!" Im Jahr 2009, nachdem
durch das Katastrophen-Szenario des Atommüll-Lagers "Asse II" ultimativ bewiesen wurde, dass die risikolose Endlagerung
der tödlichen Fracht nicht gewährleistet werden kann, ist die Forderung nach dem umgehenden Ausstieg aus dieser hochgefährlichen
Energiegewinnung umso mehr berechtigt. Wir fordern mit Nachdruck eine Energiewende, deren Ziel die ausschließliche Verwendung
von Windkraft, Wasserkraft und vor allem Solarenergie ist.
Das Interview führte Birgit Eickenberg
Foto: Ökostadt Report














