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Goodbye, Waterworld?
Der Wasserplanet Erde ist in Gefahr
"ZeitenWENDE" (Ausgabe 30 / 2008)
Franziska Ute
Gerhardt
Die Ozeane bedecken rund 70 Prozent der Erdoberfläche und sind der Lebensraum für unzählige, zum Teil noch unbekannte Lebewesen. Die Weltmeere sind darüber hinaus der wichtigste Sauerstoffspeicher unseres Planeten. Submarine Kelpwälder erzeugen 75 Prozent des Sauerstoffs der Erdatmosphäre und binden durch das Phytoplankton CO2. Die Kelpwälder gelten als ozeanisches Gegenstück der Regenwälder; sie bestehen aus groß wachsenden mehrzelligen aus der Gruppe der Rot- und Braunalgen, auch Tang genannt. Die Unwissenheit über das Ökosystem Meer führte zu hemmungslosem Raubbau. Man sah und sieht in den Meeren eine unerschöpfliche Nahrungsquelle. Sie dienen als Verkehrswege, bequeme Müllhalden und Auffangbecken für Abwässer. Die ehemalige Sowjetunion betrachtete sie sogar als "Atomklo" für ihre Nuklearindustrie und Kriegsmarine. Auch unter ihrem Nachfolgestaat Russland hat sich daran nicht viel geändert, denn noch immer rosten vor allem im Gebet um die Hafenstadt Murmansk ausgediente Atom-U-Boote der Eismeerflotte vor sich hin.
Fischerei: Das "Mega-Geschäft" mit dem Fisch führte zu einer dramatischen Überfischung der Weltmeere und zur Ausrottung vieler Fischarten. Laut der Welternährungsorganisation (FAO) sind 25 Prozent der Bestände gefährdet. 52 Prozent werden intensiv ausgebeutet. Jährlich werden 6 Millionen Tonnen Fisch allein für die EU, rund 140 Millionen Tonnen weltweit gefangen.
Heute schon sind vielerorts die küstennahen Flachgewässer fast leer gefischt. Als die Ausbeute immer weniger wurde, ging man zur industriellen Hochseefischerei mit einer hochmodernen Technologie (Sonar und Echolot) zur Ortung der Fischschwärme über. Unzählige, oft noch gar nicht bekannte Arten werden vermutlich ausgerottet, weil Tiefsee-Lebewesen sich sehr langsam reproduzieren; manche werden erst mit 25 Jahren geschlechtsreif. Durch zu engmaschige Netze können Jungfische nicht entweichen; die natürliche Generationenfolge ist nicht mehr intakt. Vielen Meerestieren und Seevögeln wurde durch die Überfischung mittlerweile die Nahrungsgrundlage geraubt. In 40 Jahren - so ein durchaus realistisches wissenschaftliches Endzeit-Szenario - könnte es im Meer kein Leben mehr geben.
Gefischt wird mit Schleppnetzen, Grundschleppnetzen, Treibnetzen und anderen Vorrichtungen. In den riesigen Netzen verfangen sich viele Seevögel, darunter auch Albatrosse, und verenden qualvoll. Nach Schätzungen von Greenpeace gehen bis zu 39 Millionen Tonnen Beifang jährlich in die Netze! Dieser wird nur teilweise verwertet, zum größten Teil aber als zumeist lebloser "Abfall" wieder über Bord geworfen. Als Beifang werden diejenigen Meerestiere - darunter auch Delfine und andere Kleinwale, Robben, Meeresschildkröten, Haie usw. - bezeichnet, die zwar ins Netz gingen, nicht aber das eigentliche Fangziel sind.
Beim Fang von Scholle und Seezunge wird der Meeresboden mit Grundschleppnetzen regelrecht umgepflügt. Tiefsee-Riffe, die Tausende von Jahren für ihre Entstehung gebraucht haben, werden durch die Tiefsee-Fischerei in wenigen Minuten zerstört. Zurück bleibt ein unwiederbringlich verlorener Lebensraum. Die Grundschleppnetze - auch als "Vorhänge des Todes" bezeichnet - sind bis zu 6 Kilometer lang. Ihr Einsatz wurde im Jahr 2002 von der UN verboten, aber 2006 von der EU wieder gebilligt.
Weil die europäischen Fischgründe fast leer gefischt sind und bestimmte Fischarten durch Fangquoten "geschützt" wurden, hat die Europäische Union einigen westafrikanischen Staaten Fischereirechte abgekauft. EU-Trawler und illegale chinesische Trawler - schwimmende Fischfabriken - plündern jetzt die Meere vor Mauretanien, Senegal und Guinea-Bissao. Sie zerstören nach und nach die Lebensgrundlagen der Einheimischen, während sie die beliebten Fischstäbchen produzieren.
Seit 20 Jahren ist die EU-Fischerei-Kommission nicht bereit, eine dringend notwendige Reduktion der Fangquoten durchzusetzen. Stattdessen bewilligt sie Subventionen zum Ausbau der Fischereiflotten! Lobbyismus in der EU verhindert sinnvolle Regelungen und bewirkt immer wieder faule Kompromisse. Insbesondere Spanien beharrt auf seiner Position als Fischereination mit dem Argument "Arbeitsplätze".
Dem absehbaren Verschwinden der Fische soll durch Aquafarming entgegenwirkt werden. Das bedeutet Massentierhaltung in mehr oder weniger großen Käfigen für Fische und Garnelen im flachen Küstengewässer, aber auch im Inland. Gefüttert wird mit kleinen Fischen und Fischmehl. Da die großen Fischpopulationen auf engem Raum für vielerlei Krankheiten äußerst anfällig sind, werden Antibiotika dem Futter beigemischt. Dass durch Aquafarming die Natur zerstört wird, ist hinreichend belegt. In Asien und an der Pazifikküste Südamerikas werden für Aquafarmen Mangrovenwälder vernichtet. Sie sind Brutstätte für Fische, Vögel, Reptilien und Amphibien und bilden außerdem einen Schutz vor Tsunamis. In der EU wird Aquafarming als vermeintliche Patentlösung gegen das unaufhaltsame Aussterben der Meeresfauna gefördert.
Andere Umweltschäden: Chemikalien aus Landwirtschaft (Gülle, Pestizide, Kunstdünger) und zunehmender Schifffahrt (Schutzanstriche, Abwässer, sonstiger Müll) belasten die Meere. Containerschiffe gelten im Zeitalter der Globalisierung als wichtigste Transportmittel, hinzukommen die überflüssigen Riesenkreuzfahrtschiffe. Ölpest nach Tankerunglücken, Atomschrott sowie undichte Pipelines bedrohen und zerstören weltweit die Ozeane. Darüber hinaus wird Altöl immer wieder illegal auf hoher See entsorgt, anstatt im Hafen gegen Gebühr.
Die hochempfindlichen Orientierungsorgane von Delfinen und Walen sind durch den Einsatz von Sonarsystemen in U-Booten, in militärischen Peil-Bojen, bei der Hochseefischerei sowie durch den Baulärm an Pipelines massiv gestört. Immer häufiger kommt es vor, dass die großen Meeressäuger orientierungslos stranden und umkommen. Der Massentourismus schädigt durch die Abwässer von gigantischen Hotelbauten in Küstennähe, durch rücksichtslos betriebenen Tauchsport in Korallenriffen die Fauna und Flora der Ozeane. Die jahrtausendealten Eiablageplätze von Meeresschildkröten in Griechenland und in der Türkei wurden den Urlaubsansprüchen zahlungskräftiger Touristen geopfert; es entstanden dort Strandpromenaden und Liegeplätze zum Sonnenbaden.
Akut vom Aussterben bedroht sind viele Thunfischarten, die unechte Karettschildkröte, die grüne Meeresschildkröte, Delphine, Schweinswale in Ost- und Nordsee sowie andere Walarten, Seekühe, Robben, Seeotter, Seepferdchen sowie viele andere Arten.
Klima: Die Erwärmung der Ozeane stellt eine katastrophale Bedrohung für alle höher entwickelten Lebewesen dar, denn dadurch könnte das Methanhydrat der Tiefsee (Gaskondensat in gefrorenem Wasser eingelagert, geschätzte 12 Trillionen Tonnen liegen am Meeresgrund) schmelzen und das gebundene Methangas freisetzen. Die Auswirkungen eines weltweiten "Super-Blow-Outs" (frei werdendes Methangas) würden wahrscheinlich zu einem rasanten, unmittelbaren Klimazusammenbruch führen. In den 90iger Jahren ist in der Nordsee zwischen Norwegen und Schottland eine Methangasblase bei Ölbohrungen beschädigt worden; seitdem schädigen "Blow-Outs" die Atmosphäre.
Innerhalb der letzten 100 Jahre hat sich die Nordsee um 2 Grad Celsius erwärmt. Das gestörte Gleichgewicht begünstigt das Wachstum von Killeralgen; der Kabeljau hat sich in Gebiete weiter nördlich zurückgezogen, subtropische Fischarten beginnen, sich in der Nordsee anzusiedeln.
Korallenriffe, Plankton und Krill: Korallen sind Grundlagen für Lebensgemeinschaften (Symbiosen) unterschiedlicher Tierarten. Sie entstehen aus Polypen, die sich mit Kalkskeletten umgeben. Durch eine Erwärmung des Wassers und zu hohe ph-Werte bleichen die Korallenriffe aus. In 50 Jahren könnten 90 Prozent aller Korallenriffe verschwunden sein - mit ihnen Inseln und ganze Staaten wie die Malediven und Tuvalu.
Plankton und Krill (kleine Krebse) sind temperaturabhängig. Ihre Fortpflanzung wird beeinträchtigt, vor allem durch das Abschmelzen des Packeises in Arktis und Antarktis, das den Salzgehalt der Ozeane verringert. Die Krill-Population, Nahrungsgrundlage für Pinguine, Robben, Wale und viele andere Tiere, ist durch die Erwärmung in den letzten 30 Jahren um 80 Prozent gesunken.
Die Ostsee: Die Emissionen aus der Landwirtschaft reichern das Meer mit Stickstoff und Phosphaten an. Die Felder werden mit Gülle aus der Intensivtierhaltung gedüngt, doch ein Großteil der Nährstoffe gelangt erst gar nicht auf die Felder, sondern über die Flüsse direkt in die Ostsee, wo sich durch den massiven Nährstoffeintrag Blaualgen explosionsartig vermehren. Es entsteht ein Algenteppich, der alle darunter lebenden Meerestiere durch Sauerstoffmangel ersticken lässt. Große Teile der Ostsee sind schon "tot". Die Killeralgen führen also zu einem Massensterben der Fische. Dadurch gerät die Nahrungskette in solch ein Ungleichgewicht, dass auch andere Fisch jagende Tierarten massiv bedroht sind. Die Schweinswale in der Ostsee stehen kurz vor dem Aussterben.
Bei der Ostseekonferenz im Oktober 2007 blockierte Deutschland unter dem Druck der Agrarlobby Mecklenburg-Vorpommerns verbindliche Grenzwerte für die Emissionen, die für alle Anrainer-Staaten (Deutschland, Dänemark, Schweden, Polen, die Baltischen Staaten) gelten sollten. Zudem ist die Ostsee ständig bedroht durch den Verkehr. Besonders bedrohlich: Öltanker aus Russland passieren gefährliche Meerengen, in denen es fatalerweise keine Lotsenpflicht gibt.
Zerstörung ohne Grenzen: Die skrupellose Ausbeutung selbst ausgewiesener Schutzgebiete kennt keine Grenzen. In der Deutschen Bucht der Nordsee soll eine Fläche von 1000 Quadratkilometern (die Fläche von Berlin und München zusammen) mit Saugbaggern "abrasiert" werden, um Kies und Sand als Baumaterial zu gewinnen (Report Mainz 19. 11. 2007). Der Lebensraum von Kegelrobben und Schweinswalen wäre damit vollständig zerstört.
Es gab Pläne für Ölbohrungen im Nationalpark Wattenmeer, die vorerst beigelegt wurden. Ein einzigartiges Rastgebiet für Zugvögel wäre zerstört worden. Die Anrainerstaaten der arktischen und antarktischen Meere sehen in den abschmelzenden Polkappen die Chance, auch dort noch nach Öl und Bodenschätzen zu suchen. Eine Ölpest in diesen Regionen wäre eine nicht zu bewältigende ökologische Katastrophe.
Eine verbindliche internationale Gesetzgebung mit strengen Restriktionen, mit Transparenz für Schifffahrt und Fischerei muss schnellstens geschaffen werden. Neue Sicherheitsvorschriften beim Bau von Öltankern (doppelwandiger Rumpf) müssen weltweit und einheitlich verbindlich festgeschrieben werden; nicht minder wichtig ist eine internationale Regelung für den Einsatz von qualifiziertem Personal auf solchen "Risiko-Schiffen". Die Entsorgung von Öl, Abwässern sowie Chemikalien bedarf auf nationaler und internatonaler Ebene strengster Kontrollen. Die Verunreinigung der Ozeane muss zukünftig als schwerwiegender krimineller Tatbestand betrachtet, verfolgt und geahndet werden.
Die Politik darf sich nicht länger an kurzsichtigen finanziellen und nationalen Interessen ausrichten, denn der Wasserplanet Erde ist in größter Gefahr. Wir wollen hoffen, dass es für seine Rettung noch nicht zu spät ist!
II. Quartal 2008
Foto: WDS-Forum (Jürgen Ortmüller)














