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Service - Bibliothek - Bruder Wolf kehrt zurück

Bruder Wolf kehrt zurück

Traurig schauen meine Augen – der Mensch sagt "böser Wolf" zu mir. Dabei kann er zum Bösen taugen – viel mehr noch als ein wildes Tier. Lothar Habler

"ZeitenWENDE" (Ausgabe 28 / 2007)
Stefan Bernhard Eck


Für die meisten Menschen - in der Vergangenheit und auch heute - ist er ein gefährliches Raubtier, in unserer Hemisphäre die blutrünstige Bestie schlechthin. Er galt als der Bote des Todes, war ein Synonym für "Gesetzesbrecher" und "Mädchenschänder". Sein Fabel-Name: Isegrim. Kaum eine Tierart wurde so dämonisiert wie der Wolf. Seine scheue, zurückgezogene Lebensweise, seine Intelligenz, sein Aussehen – die gelblichen, bei Dunkelheit leuchtenden Augen, das stark entwickelte Gebiss - und sein Furcht einflößendes, schauriges Heulen, das des Nachts weithin hörbar ist, mag dazu beigetragen haben. Mystische Geschichten ranken sich um ihn. In der griechischen Mythologie heißt es, dass Göttervater Zeus den grausamen und gottlosen König Lykaon für das Opfern von Menschen bestrafte, indem er ihn in einen Wolf verwandelte. Im ausgehenden Mittelalter, als der Hexenwahn in ganz Europa grassierte, glaubte man, dass der verhasste Wolf mit dem Teufel im Bunde stünde. Schon eine Denunzierung oder ein unter der Folter erzwungenes Geständnis reichte aus, um als „Werwolf“ auf dem Scheiterhaufen zu enden. Es ging sogar so weit, dass gefangenen Wölfen öffentlich der Prozess gemacht wurde und sie - auf Geheiß der Kirche - als Verbündete des Satans verbrannt wurden.

In grauer Vorzeit herrschte eher ein symbiotisches Verhältnis zwischen dem "canis lupus" - so ist sein wissenschaftlicher Name - und unseren Vorfahren. Die Wölfe fanden Nahrungsreste in der Umgebung des Menschen, und die steinzeitlichen Jäger und Sammler folgten dem jagenden Rudel, um Wild aufzuspüren oder den scheuen Wölfen die erlegte Beute zu rauben.

Vor ungefähr 13500 Jahren wurden laut umfangreicher Studien die ersten Wölfe domestiziert. Als die Steinzeitmenschen allmählich begannen, sesshaft zu werden und Viehhaltung zu betreiben, wurde der Wolf zum Erzfeind auserkoren, weil auch die "Nutztiere" unserer Vorfahren auf seiner Speisekarte standen. Bruder Wolf war Nahrungskonkurrent für die „Viehzüchter“ geworden, denn aus den Tierherden der Menschen heraus war es einfacher als in freier Natur, ein Tier zu schlagen. Infolge dieser Konkurrenz-Situation kam er dem Menschen immer häufiger in die Quere. Berichte über "Wolfsplagen" und Angriffe auf Menschen finden sich bis in die Neuzeit in schriftlichen Quellen. Seine Ausrottung war beschlossene Sache: Der Wolf hatte nichts mehr in der sich ausbreitenden Kulturlandschaft West- und Mitteleuropas zu suchen!

Auch heute noch treiben Wölfe und Werwölfe ihr Unwesen, zum Beispiel in Romanen und Filmen. Sie werden zwar nicht mehr auf Scheiterhaufen verbrannt, dafür aber von Jägern mit Gift, Falle oder Flinte ins Jenseits befördert. Die jahrtausendelange Wolfsjagd - dieser Genozid an Bruder Wolf durch Jägerhand – war in unseren Breiten noch bis zum Anfang des vorigen Jahrhunderts in vollem Gange. In Großbritannien wurde der letzte Wolf 1743 erlegt, in Dänemark 1772 und in Deutschland 1904. Die brutale Liquidierung in der Neuzeit erfolgte nicht, um den Menschen und sein Hab und Gut zu schützen, denn der Wolf hatte durch die permanente Verfolgung gelernt, den Menschen zu meiden. Der Wolf wurde gnadenlos ausgerottet, weil seine Bejagung eine willkommene Abwechslung für schießwütige Jäger bot, und selbstverständlich stellte er auch eine begehrte Trophäe dar.

Europaweit leben heute nur noch rund 20000 Wölfe, davon die Hälfte in Russland, 3000 in Rumänien, 2000 in Spanien, 600 in Polen und 400 in Italien.

Nach rund 100 Jahren kehrt nun der Wolf nach Deutschland zurück. 15 bis 20 Tiere haben sich in der Oberlausitz in Sachsen angesiedelt. Und es gibt sogar junge Welpen. Auch im benachbarten Süd-Brandenburg haben sich zwei Wölfe niedergelassen, ebenso in Niedersachsen, wo sich ein Wolf ein neues Zuhause gesucht hat. Wölfe werden in Mecklenburg-Vorpommern im Raum Woosmer vermutet, in Schleswig-Holstein und in Bayern.

Soll es Bruder Wolf nicht genauso ergehen wie dem aus Italien nach Bayern gelangten Braunbär "Bruno", der auf Veranlassung der bayerischen Landesregierung erschossen wurde, müssen wir jetzt handeln! Die Regierungen der 16 Bundesländer sollten so schnell wie möglich und nachdrücklich aufgefordert werden, den Wolf konsequent unter Schutz zu stellen; denn schon sind Stimmen in großen Teilen der Jägerschaft zu hören, die alles andere als einen friedlichen Umgang mit "Isegrim" erahnen lassen. Wie zu erwarten war, das alte Lied: Beute-Neid.

Der Mensch muss also nicht vor dem Wolf geschützt werden, sondern der Wolf vor dem Menschen - genauer gesagt vor der schießwütigen Jägermeute, die nur darauf wartet, endlich wieder ein großes "Raubtier" in deutschen Landen zur Strecke bringen zu können.

Der Wolf ist für den Menschen ungefährlich, viel ungefährlicher als die Damen und Herren im grünen Loden, auf deren Konto im Jahr 2005 zum Beispiel 40 Tote und 85 Verletzte durch Jagdunfälle gingen. In den vergangenen 50 Jahren sind in ganz Europa gerade einmal 59 Menschen von Wölfen angegriffen und verletzt worden, und nur acht Angriffe verliefen dabei tödlich.

Eine Bereicherung für unsere Natur ist der Wolf - es sind nicht die Jäger, auch wenn sie sich selbst dafür halten - nämlich für Heger und Pfleger der Wiesen und Wälder. Wenn dieses herrliche Tier nicht länger als Konkurrent und Feind angesehen wird, hat es eine Chance, wieder dauerhaft heimisch zu werden. Wir Menschen können lernen, mit ihm in Nachbarschaft zu leben.

Meine Empfehlung: Wölfe und Bären zurück in unsere Wälder, dafür Jagd und Jäger ins Museum! Die schlimmsten Bestien auf diesem Planeten sind zweifellos die Menschen - und unter ihnen ist die Spezies "Grünröcke" eine blutrünstige Variante, denn diese Art tötet aus reiner Mordlust.

IV. Quartal 2007


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Foto: aboutpixel.de / Wolf  Daniel Knorn

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